Eines vorweg: Mehrsprachigkeit hat keine Nachteile für Kinder!
Besonders Neugeborene haben die besten Voraussetzungen, um mehrere Sprachen zu erwerben. Auch zieht eine mehrsprachige Erziehung keine Nachteile für die Sprachentwicklung mit sich, wie so oft angenommen wird. Mit der richtigen Unterstützung der Eltern haben Kinder die Möglichkeit kompetente Sprecher der jeweiligen Sprachen zu werden.

Für Mehrsprachigkeit gibt es viele verschiedene Definitionen. Dabei herrscht Uneinigkeit über das Niveau, auf dem die jeweiligen Sprachen beherrscht werden müssen. Häufig wird eine Person als zwei- oder mehrsprachig bezeichnet, wenn sie in ihrem Alltag beziehungsweise regelmäßig mehr als eine Sprache spricht. Für mehrsprachige Personen sollte es ebenfalls möglich sein, in den jeweiligen Sprachen eine Unterhaltung zu führen. Mehrsprachigkeit kann im Einzelnen jedoch sehr verschieden aussehen.

Das Alter ist entscheidend

Das Alter, ab dem die Kinder der jeweiligen Sprache ausgesetzt sind, spielt bei der Unterscheidung von verschiedenen Arten der Mehrsprachigkeit eine große Rolle. Man unterscheidet zwischen einem doppeltem Erstspracherwerb und einem kindlichen Zweitspracherwerb. Beim doppelten Erstspracherwerb werden die Kinder von klein auf mit beiden Sprachen groß. Das Kind hat vor seinem dritten Geburtstag Kontakt zu beiden Sprachen und hat die Möglichkeit beide zu erwerben. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Vater mit dem Kind Türkisch redet und die Mutter Deutsch. Die beiden Sprachen werden gleichzeitig erworben. Man spricht deswegen auch vom simultanen Bilingualismus. Beim kindlichen Zweitspracherwerb hören die Kinder zunächst hauptsächlich eine Sprache, da zum Beispiel beide Eltern zusammen und mit dem Kind Türkisch reden. Erst später, meist im Kindergartenalter, haben die Kinder Kontakt zu einer anderen Sprache. Die Sprachen werden nacheinander gelernt, es handelt sich also um einen sukzessiven Zweitspracherwerb.

Während beim simultanen Erstspracherwerb gleichzeitig zwei Sprachsysteme aufgebaut werden, wird beim sukzessiven Zweitspracherwerb zunächst die erste Sprache erlernt. Der Erwerb beginnt wie bei einsprachigen Kindern. Je nach Alter, indem die zweite Sprache hinzukommt, ist das Sprachsystem der Erwerb der ersten Sprache schon fortgeschritten oder in Teilen abgeschlossen.

Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, müssen lernen die Sprachsysteme der beiden Sprachen zu unterscheiden. Gibt es einzelne Laute, die nur in der einen oder anderen Sprache vorkommen? Wie kann und darf ich diese Laute in einem Wort kombinieren? Der Gegenstand heißt in einer Sprache so und in der anderen Sprache anders. In welcher Reihenfolge stehen die Wörter im Satz?

 

Die Laute der beiden Sprache beeinflussen sich

In den ersten Lebenswochen teilen sich Neugeborene durch Schreien mit. Ungefähr im Alter von sechs Wochen fangen sie an, die ersten Laute zu bilden und auch zu unterscheiden. Die Laute, die sie dabei äußern, sind dabei in allen Sprachen noch gleich. Mit circa einem halben Jahr beginnen die Babys mit dem Lallen. Hier kann man die ersten Unterschiede der einzelnen Sprachen feststellen: Die Babys verwenden dafür die Laute, die sie am häufigsten hören. Bereits in diesem Alter bauen die Kinder zwei unterschiedliche phonologische Systeme auf. Diese beinhalten beispielsweise Informationen über die Laute der jeweiligen Sprachen. Die Entwicklung ist dabei ähnlich zu einsprachigen Kindern, jedoch können sich die Laute der Sprachen beeinflussen. Zum Beispiel machen viele türkische Kinder auch im Deutschen ein Zungenspitzen-/r/, obwohl das /r/ im Deutschen eher im Rachen gebildet wird. Zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat verfestigen sie die Laute ihrer Muttersprache und verwenden nur noch diese Laute. In dieser Phase bilden sich auch sogenannte phonologische Repräsentationen, in denen Informationen zu Lauten und deren Verwendung gespeichert wird. Sie stellen die Grundlage für die weitere sprachliche Entwicklung dar. Die Speicherung und der Abruf von diesen Informationen sind ebenfalls sprachspezifisch.

Sprachspezifischer Wortschatz ist bei mehrsprachigen Kindern oft kleiner

Mehrsprachige Kinder sprechen ihre ersten Wörter – wie einsprachig aufwachsende Kinder auch – ungefähr im Alter von zehn bis 14 Monaten. Beim Aufbau des Wortschatzes wird zwischen sprachspezifischem und konzeptuellem Wortschatz unterschieden. Der sprachspezifische Wortschatz besteht aus den Wörtern, die die Kinder in einer Sprache kennen und sprechen können. Bei mehrsprachigen Kindern ist dieser meist kleiner als bei einsprachigen Kindern. Dies liegt daran, dass die verschiedenen Sprachen in verschiedenen Situationen und in einem anderen Umfeld gesprochen werden. Wenn ein Kind beispielsweise nur bei den italienischen Großeltern Kuchen backt, wird es die Zutaten und Hilfsmittel nur auf italienisch können. Wenn es hingegen in einem deutschsprachigen Fußballverein ist, wird es die Regeln und Begriffe des Sports hauptsächlich auf Deutsch können. Der konzeptuelle Wortschatz besteht aus allen Begriffen, die das Kind kennt – egal in welcher Sprache. Er ist daher ungefähr gleich groß wie bei einsprachigen Kindern.

Große Unterschiede bei Mehrsprachigkeit im Bereich der Grammatik

Die Entwicklung der Grammatik muss für jede Sprache einzeln betrachtet werden, da es dabei große Unterschiede gibt. Sprachen können unterschiedlich schwierige grammatische Regeln haben. Sobald die Kinder mehrere Wörter kombinieren, werden grammatische Regeln angewendet. Dabei müssen sie auf bestimmte Merkmale wie das grammatische Geschlecht (männlich, weiblich oder neutral), die Anzahl (Einzahl oder Mehrzahl) und die Fälle (Nominativ, Genitiv, Akkusativ, Dativ), die Wortfolge und weitere Besonderheiten der Sprache achten.

Mehrsprachige Kinder können schon im Alter von circa zwei Jahren einfache, grammatische Strukturen der Sprachen auseinanderhalten und selbst produzieren. Die Qualität der Aussagen ist mit einsprachigen Kindern zu vergleichen. Jedoch kann es sein, dass mehrsprachige Kinder länger und häufiger entwicklungstypische Fehler machen. Zum Beispiel werden Regeln für die Plural- und Verbformen übergeneralisiert und auf alle Wörter angewendet. Da die meisten mehrsprachigen Kinder ein gutes Sprachgefühl entwickeln, fällt es ihnen einfacher grammatische Strukturen und Regeln herauszufinden und selbst umzusetzen. Dabei gilt, je verschiedener die Sprachen sind, desto einfacher ist es für die Kinder diese auseinander zu halten. Wenn die Grammatik der Sprachen ähnlich aufgebaut ist, kann es zu Übertragungen von der einen auf die andere Sprache kommen. In den meisten Sprachen ist die Entwicklung der Grammatik im Alter zwischen vier und fünf Jahren abgeschlossen.

Begünstigt Mehrsprachigkeit grundsätzlich Sprachstörungen?

Die aktuelle Forschung zum Thema Mehrsprachigkeit bestätigt, dass sich Mehrsprachigkeit sich nicht negativ auf die sprachliche Entwicklung von Kindern auswirkt! Sprachentwicklungsstörungen kommen bei mehrsprachigen Kindern genauso häufig vor wie bei einsprachig aufwachsenden Kindern. Heutzutage geht man sogar davon aus, dass die Mehrsprachigkeit den Kindern bei weiteren sprachlichen Fähigkeiten hilft.

Tipps im Umgang mit Mehrsprachigkeit

Es gibt mehrere Faktoren, die den Spracherwerb von mehrsprachigen Kindern beeinflussen:

Erwerbszeitpunkt. Je früher die Kinder eine zweite Sprache lernen, desto leichter fällt es ihnen. Die Sprache wird spielerisch und ungezwungen erlernt, ohne dass die Kinder einen Leistungsdruck haben.

Motivation. Für die Kinder muss es einen erkennbaren Nutzen geben, eine neue oder andere Sprache zu lernen. Die Kinder sollten im Alltag die Gelegenheit und den Anreiz haben, beide Sprachen zu sprechen. Je nach Sprachen und Umfeld kann es dafür verschiedene Möglichkeiten geben: Besuch bei den Großeltern, Spielen mit anderen Kindern auf dem Spielplatz oder Bücher in den jeweiligen Sprachen.

Ansehen der Sprache. Die Kinder merken, wie die Eltern oder Menschen in ihrer Umgebung zu einer Sprache stehen. Mehrsprachige Kinder verbinden mit jeder Sprache bestimmte Personen, Orte oder Erinnerungen. Wenn ihre Bezugspersonen die Sprache oder die Kultur ablehnen, werden die Kinder auch eine negative Haltung entwickeln.

Qualität und Dauer des Inputs. Kinder lernen Sprachen zunächst durchs Zuhören. Um beide Sprachen später einwandfrei zu beherrschen, ist es für die Kinder wichtig, einen guten sprachlichen Input zu bekommen. Dafür bieten sich Personen im Umfeld an, die die jeweiligen Sprachen auf sehr gutem Niveau beherrschen. Das Kind sollte am besten täglich für längere Zeit mit beiden Sprachen in Kontakt kommen.

Trennung der Sprachen. Es ist wichtig, dass die Sprachen deutlich voneinander getrennt werden. Eine Mischung der Sprachen sollte – zumindest bis das Kind die grundlegenden Sprachfähigkeiten besitzt – vermieden werden. Sinnvoll ist es dabei, eine bestimmte Systematik zu finden, wann und wo welche Sprache gesprochen wird. Die Trennung der Sprachen kann durch Personen (wer spricht welche Sprache mit dem Kind), Umgebung (im Haus sprechen wir eine Sprache, draußen die andere) oder Situationen (beim Frühstück wird eine Sprache gesprochen, beim Abendessen die andere) geschehen. Wichtig ist, eine Routine und eine Systematik zu finden.

Weitere Tipps:

  • Bücher vorlesen
  • Spiele für jede Sprache (Sprachlernspiele, Fingerspiele, usw.)
  • Lieder singen
  • Reime sprechen
  • Kuscheltiere, die die verschiedenen Sprachen sprechen
  • Den Kindern korrigierendes Feedback geben („Bume“ – „Ja genau, das ist eine Blume“)
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